10 / FREIHEIT UND RECHT


Moral – Sitte – Religion

14 – 19 September 2009   print this page

Course directors:

Zvonko Posavec, Croatian Academy of Sciences and Arts, Croatia
Goran Gretić, University of Zagreb, Croatia
Manfred Baum, University of Wuppertal, Germany
Michael Wolff, University of Bielefeld, Germany


Course description:

Das Handeln von Menschen steht unter Normen, die vorgeschrieben werden teils von ihrer eigenen Vernunft, teils durch positive staatliche Gesetze, teils durch Sitten und Gebräuche, die sich in der Geschichte der Völker herausgebildet haben und von denen sie oft glauben, es handele sich um Gebote eines äußeren Gesetzgebers, dessen Fürsorge sie mit aller Natur unterstellt sind.

Moralische Normen, seien sie solche der Zwecksetzung des Willens oder des freien Handelns im Verhältnis zu anderen Menschen, haben ihre verpflichtende Kraft aus der individuellen oder kollektiven Vernunft, die sie vorschreibt. Auch ihre Übertretung unterliegt einer Rationalisierung und Rechtfertigung durch den Übeltäter, zumindest vor sich selbst. Sogar die Strafbarkeit einer Gesetzesübertretung setzt voraus, dass der so schuldig Gewordene sich der Alternative eines normgemäßen Verhaltens als einer ihm möglichen bewusst sein und seine Strafwürdigkeit selbst einsehen kann. Die Normen der Moral sind als Vernunftgebote dem Handelnden transparent und, ihrem Verpflichtungsgrund nach, wenigstens im Prinzip unkontrovers. Ihre Allgemeingültigkeit für alle Menschen ist keine zufällige, sondern selbst ein Prüfstein dafür, ob eine vorgebliche Moral als solche geachtet werden kann.

Was in einer vorgeblichen Moral für moralisch gut oder verwerflich angesehen wird, ist oft nur etwas, das als Sitte und Gewohnheit tradiert wird. Sitt¬liche und gewohnheitsmäßige Vorurteile sind gegenüber un¬vor¬ein¬ge¬nom¬menen Moral¬vorstellungen oft dadurch im Vorteil, daß es Lebensformen, Vereinigungen und Einrichtungen gibt, in denen sie gepflegt und gefördert werden und die nicht selten über große Zeiträume hinweg stabil sind. Weil sie stabil sind, sind sie oft mit alten religiösen Gebräuchen und Vorstellungen verknüpft, oder weil sie mit ehrwürdig erscheinenden und au¬to¬ri¬täts¬er¬heischenden religiösen Gebräuchen und Vorstellungen verknüpft sind, sind sie stabil.

Die religiösen Vorstellungen in einer Gesellschaft sind nicht nur als durch das Toleranzgebot geschützte Gemütszustände und verhaltensbestimmende Vorurteile anzusehen, sondern als spezifisch menschliche Formen der Welt¬orientierung und als Versuche der Transzendierung der Abhängigkeit der Menschen von der Natur und ihren Zwängen und der historisch entstandenen Knechtschaft im Verhältnis zu ihresgleichen und zu ihren selbstgeschaffenen Lebensbedingungen. Sofern die Religion in Konkurrenz mit der Moral tritt, muss sie als Bedrohung der Herrschaft der Vernunft angesehen werden, sofern sie aber die Menschen zur wechselseitigen Beförderung ihrer moralisch erlaubten Zwecke vereinigt, kann sie auch von Ungläubigen als ein Segen betrachtet werden.

Der Kurs soll sich in Vorträgen und Diskussionen um eine Klärung der drei Begriffe bemühen und Bezüge zur politischen Situation in Europa und über Europa hinaus herstellen.

Staat und Neoliberalismus

Die Staats- und Demokratietheorie des klassischen Liberalismus, d.h. Wilhelm von Humboldts, Alexis de Tocquevilles, und John Stuart Mills, insistierte auf der Freiheit des Individuums gegenüber den Gewalten des Staats und den als bedrohlich angesehenen Entscheidungen von Mehrheiten über Minderheiten. In der Wirtschaftspolitik des 20. Jahrhunderts standen sich zwei Fraktionen des Liberalismus gegenüber: die Ordoliberalen, die eine starke staatliche Ordnungsmacht mit Gewaltmonopol für die Bedingung der Entfaltung der wirtschaftlichen Freiheit der Teilnehmer des Marktgeschehens hielten, und die Marktradikalen, für die eine staatliche Intervention in die Verhältnisse der gesellschaftlichen Produktion und Distribution von Waren und insbesondere in die Freiheit des Arbeitsmarktes ein Sakrileg darstellte. Die Steuerprogression und die Gewerkschaften gehörten seit jeher zu den Hauptgegenständen der Kritik durch den politischen Liberalismus. Seit den späten siebziger Jahren hat es aber einen weltweiten Siegeszug der Anhänger der marktradikalen Ökonomen Friedrich August von Hayek und Milton Friedman in der Wirtschaftspolitik nicht nur von Staaten wie Chile, Großbritannien und USA, sondern auch in den meisten übrigen Staaten des Westens und auch in Asien gegeben. Der sogenannte Neoliberalismus teilt nicht nur die Überzeugungen des herkömmlichen Marktradikalismus, der für die USA seit langem zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, sondern ist in Europa zu einer Ideologie der Vertreibung des Staates aus den Bereichen der Gesundheits-, der Bildungs-, der Infrastruktur- und der Sozialpolitik geworden, die durch die Forderung nach Entstaatlichung und Privatisierung bis in den Strafvollzug und die militärische Kriegsführung hinein bestimmt ist. Der Hauptgegner der neoliberalen Wettbewerbs- und Marktreligion im Bereich der öffentlichen Meinung ist die Idee der sozialen Gerechtigkeit, die als verderblicher Vorwand für den staatlichen Eingriff in die Freiheit des Marktgeschehens mit seinen erfolgskontrollierten Spielregeln der Verteilungsgerechtigkeit durch eine unsichtbare Hand angesehen wird.

In unserem Kurs sollen die europäische Tradition der politischen Philosophie, die im Staat den Garanten der Handlungsfreiheit seiner Bürger sah, und die vom Liberalismus beschworene Gefahr der unbeschränkten Staatsgewalt im Stalinismus und Faschismus in Referaten und Diskussionen mit der Ideologie des Neoliberalismus konfrontiert werden.