Die Herrschaft der Experten
Europa und die demokratische Frage
Kursleiter:
Hans Vorländer, TU Dresden
Davor Rodin, Universität Zagreb, Kroatien
Nenad Zakošek, Universität Zagreb, Kroatien
IUC Dubrovnik, 2 – 9 September 2012
Die Währungs- und Finanzkrise in Europa hat einem Typus des politischen Akteurs zu neuer Prominenz verholfen: der Technokrat. Der Begriff ist Programm. Ein Technokrat ist dem griechischen Wortstamm nach (téchne für Können und kratos für Macht) jemand, der aufgrund seines technischen Könnens eine Herrschaftsfunktion ausübt. Das allein rechtfertigt noch nicht seinen zwielichtigen Ruf, kommt er doch nur mit Billigung des demokratisch gewählten Parlaments ins Amt. Was den Technokraten zum Gegenstand demokratietheoretischer Kritik macht, ist vielmehr seine raison d’etre. Technokratien beziehen ihre Legitimation über ihre vermeintlich bessere Funktionsweise nach technischen Prinzipien.
Die Frage nach der Legitimität von Technokratien ist so alt wie die Antike selbst. Platon entwarf das Idealbild eines Staates, das von einer kleinen Expertenelite – den sog. „Philosophen-Königen“ – gelenkt wird. Nicht weniger bekannt ist Platons Metapher des Steuermanns, die sich vor allem unter Demokratiekritikern große Beliebtheit erfreut. Sie soll vor Augen führen, dass kein Staat auf Dauer existieren kann, wenn er nicht, wie ein Schiff, von einem bewanderten Steuermann geleitet wird. Für Platons Kritiker verbinden sich in der Steuermannmetapher die Ideen der utopischen Sozialtechnik und des Totalitarismus zu einer verhängnisvollen Einheit. Und dennoch übt das Bild des Steuermanns weiterhin seinen Reiz aus. Die Herrschaft des Volkes gilt heute vielen als zu langsam, um in Krisensituation spontan reagieren zu können und als zu gegenwartsfixiert, um langfristige Ziele zu verfolgen. Doch können die Defizite der Demokratie wirklich mit dem Demokratiedefizit der Technokratie ausgeglichen werden? Inwiefern können wenige Experten besser regieren als viele Laien? Können Experten gerecht(er) regieren? Kann sich eine Expertenherrschaft dauerhaft legitimieren? Wer entscheidet, wer Experte ist und wer nicht?
Diese und weitere Fragen werden im Sommerkurs „Politische Theorie“ durch Vorträge und in Diskussionen mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern ausführlich erörtert. Die unterschiedlichen politisch-kulturellen Voraussetzungen der beteiligten Länder werden hierbei kontrastiert und gegenübergestellt. Zudem bietet sich die Chance, in interkultureller Hinsicht verschiedene Perspektiven und Erfahrungen der Teilnehmenden aus unterschiedlichen Nationen auszutauschen.
List of Participants:
ANGELI, Oliviero (Dresden)
ARENHÖVEL, Mark (Dresden)
FRANKENBERG, Günter (Frankfurt)
GNERLICH, Marlen (Dresden)
GRETIC;, Goran (Zagreb)
JANTOL, Tomislav (Zagreb)
KOHLER, Georg (Zürich)
KURELIC;, Zoran (Zagreb)
PINZANI, Alessandro (Florianopolis)
RODIN, Davor (Zagreb)
RUDOLPH, Enno (Heidelberg)
TOHIDIPUR, Timo (Frankfurt)
VORLÄNDER, Hans (Dresden)
VUJEVA, Domagoj (Zagreb)
ZAKOSEK, Nenad (Zagreb)